Kulturerhalt im Irak | Interview mit Dr. Dipl.-Ing. Ulrike Siegel und Dipl. Ing. Fidaa Hlal (DAI)

Kulturerhalt im Irak | Interview mit Dr. Dipl.-Ing. Ulrike Siegel und Dipl. Ing. Fidaa Hlal (DAI)

Kulturerhalt im Irak | Interview mit Dr. Dipl.-Ing. Ulrike Siegel und Dipl. Ing. Fidaa Hlal (DAI)

27/12/2019

Im Interview berichten die Projektkoordinatorin Dr. Dipl.-Ing. Ulrike Siegel und Dipl. Ing. Fidaa Hlal (DAI) über ihre Arbeit im Rahmen des Iraqi-German Expertforum on Cultural Heritage (IGEF-CH). Das Projekt setzt sich seit vielen Jahren für die Erhaltung des irakischen Kulturerbes ein. Es wird gefördert durch das ArcHerNet-Verbundprojekt „Stunde Null- Eine Zukunft für die Zeit nach der Krise„.

Worum geht es im Iraqi-German Expert Forum on Cultural Heritage?

Siegel: Im Iraqi-German Expert Forum geht es vor allem um den Aufbau einer nachhaltigen Expertise zu Fragen des Kulturerhalts im Irak. Das heißt wir möchten mit dem Programm die Mitarbeiter der Irakischen Antikenverwaltung beim Schutz des reichen irakischen Kulturerbes unterstützen. Das machen wir, indem wir Trainings zu modernen Techniken und Methoden der Denkmalpflege durchführen und mit den Teilnehmenden einen Dialog zu den aktuellen Strategien in der Denkmalpflege führen.

Wie ist das Programm aufgebaut?

Hlal: In dem Programm geht es zunächst einmal um die Anwendung von modernen und klassischen Methoden der Bauforschung, Bauaufnahme und Dokumentation. Im nächsten Schritt erlernen die Teilnehmenden, wie man ein denkmalpflegerisches Konzept entwickeln kann. Ziel ist es, die Archäologen und Denkmalpfleger darin zu schulen, ein ausgegrabenes Bauwerk dokumentieren, schützen und präsentieren zu können. Welche Methoden benutze ich? Klassische oder moderne Methoden? Die gewählten Methoden müssen an die Bedürfnisse ihres Projekts angepasst sein.

Übungen zur Erhaltungsstrategien für Baudekorfragmente | © Götting, DAI.

Die IGEF-Teilnehmer führen also auch ein eigenes Projekt durch?

Hlal: Ja, der erste Teil des Fortbildungsprogramms besteht aus Übungen, der zweite aus einem eigenen Projekt im Irak. Die Trainees wählen ein Gebäude oder einen Gebäudeteil aus und müssen dann die passenden Methoden anwenden. Also beispielsweise vermessungstechnische, zeichnerische und fotografische.

Können Sie ein konkretes Beispiel für ein Projekt nennen?

Siegel: Bis jetzt haben drei Jahrgänge das Programm absolviert. In jedem Jahrgang prämieren wir einen Teilnehmer. Einer von ihnen war Herr Faisal Mohammed Saleh Al-Karawi aus der Provinz Diyala. Er hat eine Karawanserei aus dem 17. Jahrhundert bearbeitet, die nur noch zur Hälfte erhalten ist, weil ein Teil durch Straßenbaumaßnahmen zerstört wurde. Über den noch existierenden Gebäudeteil fertigte er eine bauhistorische Untersuchung an und erarbeitete ein Konzept zur Erhaltung und touristischen Erschließung des Bauwerks. Das Fortbildungsprogramm basiert auf der Leitidee: Man kann nur schützen was man kennt. Diesem Grundsatz folgend hat Herr Al-Karawi zu Beginn die Grundlagen ermittelt, das Gebäude im Detail erforscht, die Denkmaleigenschaften analysiert und darauf aufbauend ein denkmalpflegerisches Konzept erarbeitet.

Die Ruine von Khan Bani Saad wurde von Faisal Mohammed Saleh Al Karawi im Rahmen seines Projektes während des IGEF-CH Programms bearbeitet |© al-Karawi.

Wie stellt sich im Moment der Schutz der Kulturerbestätten im Irak dar?

Siegel: Die irakischen Baudenkmäler sind durch Kriegszerstörungen, aktuelle Baumaßnahmen aber auch Umwelteinflüsse, wie Winderosion und Regenerosion gefährdet. Die Antikenverwaltung hat die Aufgabe, für den Schutz und Erhalt dieses Erbes zu sorgen.  Dabei handelt es sich um eine große Herausforderung. Die Aufgaben sind nicht nur fachlich komplex, sondern auch sehr umfangreich. Es gilt also Prioritäten zu setzen und eine Arbeitsweise zu entwickeln, die effektive Lösungsstrategien ermöglicht.

Warum engagiert sich das DAI für das irakische Kulturerbe?

Hlal: Durch gemeinsame Forschung und Ausgrabungstätigkeit besteht bereits eine traditionsreiche Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Archäologischen Institut und der Irakischen Antikenverwaltung. Das Iraqi-German Expert Forum on Cultural Heritage reflektiert die Kontinuität dieser gemeinsamen Arbeit.

Dipl. Ing. Fidaa Hlal (r.) bei einer Führung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle |© Seif, DAI.

Siegel: Dazu kommt, dass Deutschland für die Fachexpertise im Bereich des Denkmalschutzes bekannt ist. Es gibt dafür eine lange Tradition in Deutschland. Dadurch haben wir das Know-how und die technischen Entwicklungen, um das Fachwissen einzusetzen. Durch vergangene Konflikte und das Wirtschaftsembargo hatten die irakischen Kollegen nicht die Möglichkeit, das Spezialwissen in diesem Bereich zu erlangen. Die Außenstelle Bagdad des DAI führt schon sehr lange Fortbildungsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit der irakischen Antikenverwaltung durch. Das ist eine wichtige Basis für die Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der beiden Institutionen. Ich sehe daher unsere Aufgabe darin, unser Wissen zu vermitteln und Expertise weiterzugeben.

Welche Wirkung hat das Projekt in ihren Augen?

Siegel: Positive Ergebnisse zeigen sich vor allem in der Abschlusspräsentation. Dort können wir sehen, wie sich die einzelnen Personen mit ihrem Projekt identifizieren und was sie in ihrem Projekt erreicht haben. Bei den Präsentationen sehe ich deutlich, wie wirksam unser Programm ist. Bei der Veranstaltung sind auch die Direktoren der einzelnen Departments der irakischen Antikenverwaltung anwesend. So kommt es auch zu Gesprächen mit den Entscheidungsträgern in der Antikenverwaltung.

Die Teilnehmenden präsentieren die im Rahmen des IGEF-CH entstandenen Projekte im Irak |© DAI, Uthman Kadhem.

Auch daran, wie sich die Diskussionen der Teilnehmer untereinander entwickeln, sieht man die Fortschritte. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass die Fortbildung die Mitarbeiter der Antikenverwaltung auch stark untereinander verbindet. Sie sind nun Fachexperten zu diesem Thema. Inzwischen haben 35 Personen aus allen Regionen des Landes das Programm absolviert. Diese Teilnehmenden kennen sich nun untereinander und wissen, dass sie in Bezug auf Kulturschutz gewissermaßen eine Sprache sprechen.

Welcher Aspekt des Projekts ist ihnen besonders wichtig?

Hlal: Der Kulturaustausch und der fachliche Austausch sind sehr wichtig. Wissenschaft wird nicht nur für ein Land betrieben. Was sich in Deutschland entwickelt, sollte nicht allein in Deutschland bleiben. Kultur gehört allen Menschen. Was die damaligen Menschen erschaffen haben, zu erforschen und zu schützen und für die nächste Generation zu erhalten, ist unsere Aufgabe. Das DAI möchte – unterstützt vom Auswärtigen Amt – den Kulturerhalt fördern und dazu beitragen, dass Kulturschutz und Wissenschaft nach außen getragen werden. Ich persönlich finde, das ist gut für Deutschland, aber auch für die anderen Länder mit denen wir zusammenarbeiten.


Interview: Eva Götting

Titelbild: Die Trainees des Iraqi-German Expert Forum on Cultural Heritage während einer Exkursion
im Benediktiner Klosters Memleben (Koordinatorin Dr. – Ing. Ulrike Siegel in der 2. v. r. und Dipl.-Ing. Fidaa Hlal unten, mitte)|© Seif, DAI.

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