ArcHerNet im Porträt – Dr.-Ing. Claudia Bührig

ArcHerNet im Porträt – Dr.-Ing. Claudia Bührig

ArcHerNet im Porträt – Dr.-Ing. Claudia Bührig

Bauforscherin Dr. Claudia Bührig ist seit 2017 Leiterin der Außenstelle Damaskus des Deutschen Archäologischen Instituts. In Jordanien führt sie im Rahmen von ArcHerNet und „Stunde Null“ Projekte durch, die Kulturerhalt und Kulturvermittlung miteinander kombinieren. Durch die Programme in Umm Qays möchte die Bauforscherin die nachhaltige Vermittlung von Kenntnissen im Kultur- und Naturerbe erreichen. Ziel ist die Stärkung der lokalen jordanischen Bevölkerung durch Capacity Building. Darüber hinaus dienen die Programme der Integration syrischer Flüchtlinge. Zum einen werden die Kursteilnehmer im Steinmetzhandwerk geschult und so das Wissen um Techniken und Werkzeuge bewahrt. Zum anderen wird den Kindern der Region spielerisch – hands-on – die Bedeutung ihres kulturellen Erbes vermittelt, während der lokalen Bevölkerung Trainings im Bereich Kulturvermittlung geboten werden.

Weit oberhalb des Jordantals liegt auf einem Bergsporn das antike Gadara, das heutige Umm Qays im äußersten Nordwesten Jordaniens. Atemberaubend ist der Blick von dort oben auf den See Genezareth. Es wundert nicht, dass dieser Platz von den Nachfolgern Alexander des Großen zunächst für die Errichtung einer Festung ausgewählt wurde. Diese entstand vermutlich um 200 v. chr. als Grenzfeste zwischen dem Ptolemäerreich im Süden und dem Seleukidenreich im Norden. in den Folgejahren zu einer pulsierenden Stadt ausgebaut, hatte sie unter wechselnden Herrschern – wie Seleukiden, Hasmonäern und Römern – bis in die Spätantike Bestand. Erst schwere Erdbeben im 7. und 8. Jahrhundert brachten für die Siedlungskontinuität in Gadara eine erste Zäsur.

Ein Tor zum Jordantal

Mit dieser Stadt, genauer gesagt, einer imposanten Toranlage, beginnt die wissenschaftliche Karriere von Claudia Bührig. Als sie 1983 ein Architekturstudium in Hannover aufnahm, wird sie nicht gedacht haben, dass sie ihr wissenschaftlicher Werdegang in den Norden Jordaniens führen würde. Ihr Interesse an Architektur wandte sich über Projekte in Ägypten, Chile, Italien, dem Jemen, Jordanien, dem Sudan und der Türkei immer mehr der Erforschung der Architektur vergangener Epochen zu. Sie wurde Bauforscherin und setzte sich in ihrer Dissertationsschrift in Cottbus mit jenem monumentalen Bogentor auseinander, das in römischer Zeit den Zugang zur Stadt einleitete.

 

Gadara. Bogenmonument extra muros, zeichnerische Rekonstruktion der Ostfassade | Rekonstruktion:  © Bührig, DAI.

 

Bevor Sie 2017 Leiterin der Außenstelle Damaskus und der Forschungsstelle des DAI am Deutschen Evangelischen Institut in Amman wurde, führte ihr Weg sie aber an das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte nach Berlin und an die ETH Zürich. Der Schwerpunkt ihrer Arbeiten konzentrierte sich zum einen immer mehr auf Fragen der Siedlungsentwicklung Gadaras, Möglichkeiten des Kulturerhalts an archäologischen Stätten am Beispiel Palmyras und daneben auf wissenschaftsgeschichtliche Forschungen um das Bauen sowie zu Themen der Wissensvermittlung. Zum anderen begann sie, quasi als Antwort auf die Zerstörungen in Syrien, die sich mit der Begegnung der nach Jordanien fliehenden Menschen verband, Projekte zu initiieren, die syrische Flüchtlinge, Kulturerhalt, Kulturvermittlung für zukünftige Generationen und eine Unterstützung für die Bevölkerung Jordaniens miteinander kombinieren. Dabei muss es zunächst darum gehen, das Wissen und den Respekt im Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu stärken.

 

Gadara – Umm Qays. Blick von Westen auf den Siedlungshügel | © Hartl-Reiter, DAI.

 

Kinder entdecken ihr kulturelles Erbe

Sie organisiert für die Bewohner des Umlandes von Gadara, unabhängig davon, ob diese aus Syrien geflohen sind oder schon lange in der Region leben, zusammen mit deutschen und jordanischen Partnern Kulturbildungsprogramme für Kinder. Und so sieht man die Bauforscherin, Claudia Bührig, zwischen gespannt folgenden Kindergruppen, die spielerisch – hands-on –  das Leben in der antiken Stadt Gadara, die Schätze der sie umgebenden Landschaft und das Leben ihrer Vorfahren in der Region erlernen. Dies alles wäre aber nicht nachhaltig, wenn diese Programme nur einmal stattfinden. Auch wenn über 100 Kinder an den Aktionen teilnehmen, entfalten die Aktivitäten doch nur eine dauerhafte Wirkung, wenn auch Menschen aus- und weitergebildet werden, die vergleichbare Aktionen selbst durchführen können. „Train im the Trainers“ ist hier die Idee. Es geht um ein Training in Kultur-/ Museums- und Landschaftspädagogik, an der Fachleute, Lehrer und Laien in der Vermittlung von Geschichte, Archäologie und Umwelt ihrer Heimat geschult werden.

Kinder lernen spielerisch das Leben in der Antiken Stadt Gadara kennen | © Bührig, DAI.

 

Altes Handwerk bietet neue Perspektiven

Zur  Bewahrung der Denkmäler in der Region allgemein und insbesondere in der antiken Stadtanlage Gadaras wurden außerdem Trainingsprogramme  für örtliche Handwerker und nach Jordanien geflüchtete syrische Handwerker eingerichtet.  In den Trainingseinheiten wird das traditionelle Steinmetz-Handwerk vermittelt. Darüber hinaus werden die Teilnehmer auch in ökonomische Arbeitstechniken dieses alten Handwerks eingeführt. Damit wird nicht nur handwerkliches Knowhow vermittelt, sondern zudem das immaterielle Erbe gestärkt.

Steinmetz-Workshop in Gadara | © Bührig, DAI.

 

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit ist für Claudia Bührig also viel mehr als die Erforschung von Bauten. Es geht darum, den Erhalt und Schutz der Antike zu stärken, indem der Wert der Antike für unsere heutige Zeit vermittelt wird. Es geht um den Transfer der Forschungsergebnisse für die Nutzung durch die Gesellschaft.

 

Bild: Die Ost-West-Achse von Gadara. Blick nach Südosten | © Bührig, DAI.

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