Kulturvermittlung zum Mitmachen, Hands on – „Train the Trainers“ in Jordanien

Kulturvermittlung zum Mitmachen, Hands on – „Train the Trainers“ in Jordanien

Kulturvermittlung zum Mitmachen, Hands on – „Train the Trainers“ in Jordanien

In Jordanien schulen BauforscherInnen und ExperimentalarchäologInnen des Deutschen Archäologischen Instituts seit vier Jahren syrische Geflüchtete und jordanische Fachleute in kulturpädagogischer Vermittlungsarbeit.

„Train the Trainers“ ist ein Projekt, das bereits 2015 von den Autoren in Gadara, dem modernen Umm Qays, initiiert wurde, um das Bewusstsein bei einheimischen Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern für das eigene regionale Kultur- und Naturerbe zu stärken. Auch die lokale Bevölkerung und ortsansässige Institutionen sollten die Möglichkeit haben, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit vor Ort kennenzulernen.

Das Programm „Train the Trainers“ richtet sich in erster Linie an Lehrkräfte, Denkmalschützer, Studierende, Persönlichkeiten der lokalen Gemeinschaft und nach Jordanien geflüchtete Syrer. Ziel des Programms ist es, das allgemeine Wissen über das  Kultur- und Naturerbe, aber auch praktisches Können in prähistorischen Grundtechniken oder Kenntnisse über die bei der Kultur- und Landschaftspflege eingesetzten Werkzeuge und Techniken zu vermitteln. Die Integration syrischer Geflüchteter in die lokale Gemeinschaft ist ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Kurse.

Gadara/ Umm Qays: aerial view from the south-west of the ancient hilltop settlement with the old village Umm Qays, known as ‚hara foqa‘, from the late 19th/early 20th century |© Schauerte, DAI.

Feuer, Ton, Technik – Kinder entdecken die Vergangenheit

Die rund 30 Teilnehmenden übten sich in prähistorischen Techniken, wie dem Entzünden von Feuer mit einem Feuerstein, Feuerstahl und Zunder; sie bearbeiteten Feuerstein und fertigten Ketten aus Tonperlen an. Gleichzeitig galt es, einfache Textiltechniken und Methoden des Korbflechtens kennenzulernen. Ein Großteil der Interpretationsarbeit und des didaktischen Konzepts basiert auf den Ergebnissen der experimentellen Archäologie und gut 30 Jahren Forschungen an diesem Ort. Mit dem Programm ist eine Fortbildung zu Kulturlandschaftsführern verknüpft, die die engen Beziehungen von Natur, Umwelt und Besiedlung im geschichtlichen Verlauf unter Einbeziehung des benachbarten Naturschutzgebietes ´Yarmouk Forest Reserve´ vermittelt.

Zwischen 2016 und 2018 fanden sechs Workshops statt, die sich mit der Geschichte und Vorgeschichte der Region, des antiken Gadara und seines Umlands, aber auch dem zum Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten Dorf Umm Qays, seinen Häusern, ihrer Inneneinrichtung und dem Leben an diesem Ort beschäftigten.

Bewusstseinsstärkung für das Kultur- und Naturerbe Jordaniens

Eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen erbrachte die Wiederentdeckung alter, fast vergessener Handwerkstechniken, die Teil des immateriellen Kulturerbes sind. Der Erhalt dieser Techniken ist eines der wichtigsten Ziele des Programms und soll in Schulen und Museen, Touristen und Interessierten vermittelt werden. An den Bildungsprogrammen beteiligten sich insgesamt mehr als 400 Kinder und Jugendliche.

Kinder aus Umm Qays suchen im Naturschutzgebiet Yarmouk Forest Reserve´ antike Wasserleitungen |© Berger, DAI. .

Ein Höhepunkt des dreijährigen Programms bildete im Oktober 2017 die Ausstellung „Umm Qays – Old Tales“ mit einem umfangreichen Begleitprogramm, die in einer der Hofhausanlagen im alten Dorf gezeigt wurde. Anhand von Fotografien, einer Sammlung historischer Haushaltsgegenstände, Geschichten aus dem alten Dorf, die in kleinen Runden erzählt wurden, und regionaltypischen, von den Teilnehmenden selbst zubereiteten Speisen wurde das frühere Alltagsleben im alten Dorf lebendig und in Erinnerung gerufen.

Ausstellung „Umm Qays – Old Tales“ in der Hofhausanlage aus dem frühen 20. Jahrhundert |© Hartl-Reiter, DAI.

Im Zentrum der Präsentation im alten Dorf standen die Menschen vor Ort und in der Region, ihre Beziehung zur Geschichte und Archäologie, das frühere Alltagsleben sowie Veränderungen in Natur und Umwelt. Durch Teilnahme an experimentell- archäologischen Aktivitäten erlebten Kinder und Jugendliche aus der Umgebung, Schulklassen aus Harta und dem SOS-Kinderdorf in Irbid den Umgang mit Wolle, Lehm sowie Feuer und übten die Handhabung von Pfeil und Bogen. Spielerisch lernten sie so über das Leben in  früheren Zeiten.

Um einen nachhaltig positiven Umgang mit den Ruinen der antiken Stadt Gadara und den archäologischen Objekten zu bewirken, ist nicht allein der fachgerechte Zugang zu Forschungsergebnissen und Praktiken der Denkmalpflege erforderlich. Vielmehr wirbt das Projekt bei den Menschen vor Ort generell für ein vertieftes Verständnis der Notwendigkeit des Kulturgüterschutzes. Gerade Kinder interessieren sich sehr für diese Themen und bilden eine Brücke zu den Erwachsenen.

Cover der Begleitbroschüre der Trainingsprogramme ´Bringing Science to the Public. A Step towards a better Understanding of Cultural and Natural Heritage´(2018) |© Bührig – Andraschko

Im November 2018 fanden bereits zum zweiten Mal die Open Day`s mit einer begleitenden Ausstellung „Hara Foqa. Old Tales“ in einer der historischen Hofanlagen in Umm Qays statt. Im Verlauf des Projektes konnte immer mehr Verantwortung und Organisationsarbeit an die jordanischen und syrischen Kursteilnehmer übergeben werden. Vom Programmablauf über Personalorganisation bis hin zur Koordinierung der Aktionstage, wie u. a. archäologische Kinderführungen und archäologisch-experimentellen hands-on Programmen, lag die Vorbereitung und Organisation dieser Veranstaltung in den Händen der Kursteilnehmer.

Mit der dreitägigen Veranstaltung im November 2018 fand „Train the Trainer. Kulturvermittlung für Kinder“ seinen erfolgreichen Abschluss. Sie ist das Ergebnis der intensiven Zusammenarbeit der Kollegen, Lehrer und Familien von Umm Qays mit den deutschen Wissenschaftlern.

Die „Train the Trainers“ Programme großen Anklang bei Teilnehmern, Besuchern und in regionalen Medien. Sie dienen bereits als Anregung und Vorbild für eine Reihe weiterer Projekte nationaler und internationaler Organisationen und haben einen anderen Zugang zu Forschung und Denkmalpflege eröffnet.


Titelbild: Aktivitäten für eingeladene Schulklassen aus Harta und dem SOS-Kinderdorf in Irbid – Kinder üben sich im Nassfilzen |© Berger, DAI.

von Dr. Claudia Bührig (Deutsches Archäologisches Istitut) & Dr. Frank Andraschko (AGIL, Büro für angewandte Archäologie)

Förderung:

Quelle:

Kulturwelten. Aussenpolitik für das Kulturelle Erbe. Auswärtiges Amt. 2018

Weiterlesen:

https://www.archernet.org/2017/10/15/umm-qays-old-tales-ein-jordanisches-dorf-entdeckt-seine-vergangenheit/
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